Bis alle satt sind

Familienpflege des Diakonischen Werks im Main-Tauber-Kreis wird 50 – Festakt in Stadthalle Tauberbischofsheim – Diakonie-Geschäftsführer Pempe: „Einsätze zum Wohl des Familienlebens und der Kinder“

Carina Kuhn (Koordination), Petra Michel (stv. Koordination und Verwaltung), Heidi Stranz, Alexandra Deißler, Gabi Achstetter, Gertrud Lutz (von links).

Tauberbischofsheim. „Ich habe stundenlang Waffeln gebacken, bis sie alle satt waren.“ Familienpflegerin Alexandra Deißler erinnerte sich beim Festakt am Dienstag, 26. Oktober 2021, zum 50+1. Jahrestag ihres Fachbereichs – das Jubiläum war aufgrund der Coronapandemie um ein Jahr verschoben worden – an einen ihrer ersten Einsätze in der Familienpflege für das Diakonische Werk im Main-Tauber-Kreis: in einem bäuerlichen Haushalt mit vielen hungrigen Kindern, die sie versorgte, weil die Mutter krank war. Die Mitarbeiterin berichtete neben weiteren Familienpflege-Experten in einer moderierten Gesprächsrunde über die Herausforderungen und Einsatzgebiete ihres Berufs. Wichtiges Thema war hierbei der Spagat zwischen einer qualifizierten Ausbildung der Fachkräfte einerseits und den stagnierenden Kostenübernahmen andererseits.

Geschäftsführer Wolfgang Pempe betonte eingangs, wie wichtig ihm die nachgeholte Feier ist: „Familienpflege macht vorbildlich deutlich, was Diakonie will: Es wird unabhängig vom Ansehen der Person den Familien geholfen, die in eine Notsituation geraten sind, wenn z. B. die haushaltsführende Person nicht mehr in der Lage ist, die Kinder angemessen zu versorgen. Unsere Kolleginnen gehen für einen begrenzten Zeitraum in die Familie und helfen, das Familienleben – vor allem für die Kinder – aufrecht zu erhalten. Dies stellt eine hohe Anforderung in Richtung Einfühlungsvermögen, Flexibilität und Kompetenz dar, da jede Familie einen eigenen Kosmos hat. Der Dank an die Frauen, die in den vergangenen 51 Jahren diese Arbeit geleistet haben, soll daher heute im Mittelpunkt stehen.“

Seitens der Krankenkassen, die Einsätze bezahlen, wenn der haushaltsführende Elternteil ausfällt, betonte Dieter Macher, Geschäftsbereichsleiter Versorgungsmanagement der AOK Heilbronn-Franken: „Die familiäre Situation hat sich verändert. Wir stehen als Krankenkasse im Spannungsfeld, was für uns noch wirtschaftlich ist und dem, was die Familien brauchen.“

Hierzu ergänzte Elisabeth Krug, Sozialdezernentin im Main-Tauber-Kreis: „Gesellschaftliche Veränderungen machen auch vor unsrer Region nicht Halt. Wir haben hier viele Alleinerziehende sowie überforderte Eltern und oft sind Grundkenntnisse in der Versorgung von Kindern und Haushalt nicht vorhanden.“ Das Jugendamt übernimmt daher ebenfalls Kosten für Familienpflege, wenn Familien ihre hauswirtschaftliche Grundversorgung nicht alleine stemmen können. Dies bestätigte auch die Fachreferentin des Diakonischen Werks Baden Jutta Prolingheuer. „Bis zu zwei Drittel der Familienpflegestationen bieten inzwischen zusätzlich Hilfen zur Erziehung an.“

Andrea Dörfler, Einsatzleiterin der Familienpflegestation der Ritaschwestern Würzburg, berichtete von Einsätzen, bei denen nicht nur die Krankheit der Einsatzgrund sei, sondern viele andere Probleme dies umlagerten. Alkohol, Drogen, Missbrauch, Vermüllung seien da nur einige Beispiele. „Familienpflegerinnen müssen viel leisten und auch viel wegstecken“, sagte sie in Anspielung auf die unterschiedlichsten Wohn- und Lebenssituationen, die die Kolleginnen vorfänden. Auch bräuchten Familienpflegerinnen in steigendem Maße eine interkulturelle Kompetenz.
In Sachen Ausbildung sprach Heidemarie Wudowenz, Fachlehrerin in der Familienpflegeausbildung in Ansbach-Triesdorf von den Herausforderungen: Eine Familienpflegerin müsse sowohl einen Thermomix bedienen können als auch mit einfachsten Mitteln wie Schneidbrett und Messer klarkommen. Sie müsse individuelle Essensvorlieben ebenso bedienen wie auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten Rücksicht nehmen. Pflegerische Ausbildungsinhalte hätten ebenso ihren Platz wie Pädagogik, Kommunikation und psychologische Lehrinhalte, sagte Wudowenz. Gefragt nach den Voraussetzungen sagte sie: „Man sollte selbstständig und eigenverantwortlich sein und persönliches Engagement mitbringen.“ Dem konnte Carina Kuhn, Koordinatorin für Familienpflege des Diakonischen Werks im Main-Tauber-Kreis, nur zustimmen: „Dank der Zusatzausbildungen im Haushaltsorganisationtraining, was die meisten unserer Kolleginnen haben, sind wir gut gerüstet, dennoch müssen wir uns um die Zukunft Gedanken machen“, forderte sie. Demnach gingen in den nächsten Jahren einige ihrer Mitarbeiterinnen in Rente. Sie plane daher, einen Ausbildungsplatz anzubieten.

Abschließend erhielten alle Mitarbeiterinnen als Zeichen der Anerkennung Blumensträuße und als langjährige Kollegin bekam Heidi Stranz eine Urkunde für mehr als 25 Jahre im Dienst des Diakonischen Werks im Main-Tauber-Kreis. Die Würdigung nahm die stellvertretende Aussichtsratsvorsitzende und Wertheimer Dekanin Wibke Klomp vor. Ihre Tochter Paula hatte während der Feier mit ihrem Klavierspiel für den passenden musikalischen Rahmen gesorgt.

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